„Wo Wurzeln Halt finden, kann Zukunft wachsen“
Zahlreiche mit dem Caritas-Kinderdorf Marienstein verbundene Menschen feierten das 50-jährige Jubiläum der Einrichtung. Foto: Peter Esser / Caritas
50 Jahre Caritas-Kinderdorf Marienstein auf dem Eichstätter Blumenberg: Das haben heute rund 200 Kinder und Jugendliche, Mitarbeitende sowie mit der Einrichtung verbundene Menschen aus Caritas, Kirche, Politik und Behörden im Kinderdorf mit einer Andacht und einem Festakt gefeiert. Die Andacht hielt Caritaspräses Alfred Rottler. Beim Festakt kamen sowohl Verantwortliche als auch ehemalige und derzeitige Kinder und Jugendliche des Kinderdorfes zu Wort. Musikalisch wurde die Veranstaltung von der Kinderdorfband umrahmt. In der Aula war ein umfangreicher Zeitstrahl zu sehen - eine Ausstellung über die 50-jährige Entwicklung der Einrichtung.
Sie haben hier Halt bekommen, Stabilität erfahren und Heimat gefunden"
Bezüglich des Mottos des Jubiläums "Wo Wurzeln Halt finden, kann Zukunft wachsen" sagte der Caritaspräses: "Wer in Gott verankert ist, gleicht einem fruchtbaren Baum, der ans Wasser gepflanzt ist." Das Kinderdorf sei für viele Kinder und Jugendliche eine Oase am Wasser geworden. "Sie dürfen an dem Lebensstrom, der hier fließt, teilhaben. Sie haben hier Halt bekommen, Stabilität erfahren und Heimat gefunden", so Rottler. Die Arbeit, die in der Einrichtung geleistet wurde und wird, sei auch ein Beitrag zur Zukunft der Gesellschaft. "Wenn es das Kinderdorf nicht schon gäbe, müsste man es erfinden." Rottler fragte in der Andacht auch derzeitige Kinder in der Caritas-Institution nach ihren Erfahrungen. "Die Erzieher, Psychologen und Therapeuten sind alle sehr nett." "Mir gefällt, dass es hier eine ganz tolle Harmonie gibt." "Ich finde vor allem die Angebote sehr gut", antworteten diese ihm.
Auch Einrichtungsleiterin Brigitte Radeljic-Jakic ging in ihrer Begrüßung auf das Motto "Wo Wurzeln Halt finden, kann Zukunft wachsen" ein. Nach ihren Worten begleitet dieses Leitwort das Caritas- Kinderdorf Marienstein seit fünf Jahrzehnten "und bringt das zum Ausdruck, worum es in unserem täglichen Dienst geht: Jungen Menschen Geborgenheit, Orientierung und verlässliche Beziehungen zu geben, damit sie ihren eigenen Weg mit Mut und Zuversicht in eine gute Zukunft finden können". Das Kinderdorf sei ein Ort, an dem jeder das Gefühl haben kann: "Hier darf ich sein mit all meinen Schwächen und Stärken, wo sich meine Wurzeln in verschiedene Richtungen ausbreiten können, ein sicherer Platz, an dem mein innerer Baum viele Früchte tragen kann." Und sie ergänzte: "Eine Baum wird nicht groß, weil er immer nur nach oben wächst. Er wird groß, weil er gleichzeitig tief verwurzelt ist. Ein Baum kann nicht bestehen, wenn er nur eine große Krone hat. Noch wichtiger sind starke und stabile Wurzeln, um im Leben auch Stürme zu überstehen."
Caritasdirektor Alfred Frank erklärte in seinem Grußwort, das Kinderdorf habe sich seit 1976 stetig weiterentwickelt und den sich wandelnden Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen angepasst. "Neben den bewährten heilpädagogischen Wohngruppen sind inzwischen auch intensivpädagogische Angebote sowie eine sozialtherapeutische Wohngruppe für Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störungen entstanden. Diese Vielfalt zeigt eindrucksvoll, wie differenziert und fachlich fundiert hier gearbeitet wird."
Viele Projekte im Laufe der Jahre gewachsen
Besonders beeindruckend sind für Frank die vielen Projekte, die im Laufe der Jahre gewachsen sind und das Profil des Kinderdorfes prägen. "Der Berufsvorbereitende Dienst begleitet seit 28 Jahren Schülerinnen und Schüler der 8. und 9. Klassen auf ihrem Weg in die Arbeitswelt und eröffnet ihnen durch praktische Erfahrungen neue Perspektiven. Der ‚blaue Bauwagen‘ als mobiles Klassenzimmer steht beispielhaft für kreative pädagogische Ansätze und gelebtes soziales Lernen. Ebenso ist die Holzwerkstatt mit dem Bootsbauprojekt längst zu einem Markenzeichen geworden: Hier erwerben junge Menschen nicht nur handwerkliche Fähigkeiten, sondern auch Selbstvertrauen und Teamgeist - ausgezeichnet im Jahr 2006 mit dem ersten Preis der internationalen Fachzeitschrift ‚erleben und lernen‘", informierte der Caritasdirektor. Dass das Kinderdorf zudem als Einrichtung nach den Prinzipien des Kneipp-Bundes anerkannt ist, unterstreiche den ganzheitlichen Blick auf die Entwicklung der Kinder, bei dem Körper, Geist und Seele gleichermaßen im Mittelpunkt stünden. Doch der Blick richte sie nun auch nach vorn: "Eine umfassende Generalsanierung steht bevor - ein anspruchsvoller und auch herausfordernder Weg, der viel Ausdauer erfordern wird. Umso mehr freue ich mich, dass mit dem Start des Neubaus der Förderschule bereits ein wichtiger erster Schritt gelungen ist, getragen von der gemeinsamen Verantwortung der öffentlichen Hand und unseres Caritasverbandes."
Der Eichstätter Landrat Alexander Anetsberger sagte, die Arbeit im Kinderdorf sei von hoher Empathie geprägt, "und das ist zu spüren". Sie gebe Geborgenheit und Heimat. Anetsberger bezeichnete die Aufgabe der Einrichtung, einen Weg in ein selbstständiges Leben zu ermöglichen, als eine der schwierigsten Aufgaben. Die Landtagsabgeordnete Tanja Schorer-Dremel buchstabierte das Wort "Kinderdorf" wie folgt: K wie Kraft, I wie Individualität, N wie Nähe, D wie Durchhaltevermögen, E wie Empathie, R wie Respekt, D wie Dazugehören, O wie Offenheit, R wie Rückhalt und F wie Förderung. Nach den Worten von Oberbürgermeister Josef Grienberger sind drei Haltungen in Bezug auf das Kinderdorf angesagt: erstens Demut gegenüber dem, was die Kinder durchlebt haben, zweitens Dankbarkeit dafür, was in der Einrichtung 365 Tage und 24 Stunden am Tag geleistet wird und drittens Zuversicht dafür, ihnen annährend gleiche Lebensmöglichkeiten zu geben wie anderen Kindern.
"Bezug zu Menschen" gelernt
In der von dem Journalisten des Bayerischen Rundfunks Stefan Straßer moderierten Talkrunde erzählten unterschiedliche Persönlichkeiten über ihre Erfahrungen mit dem Kinderdorf. Pater Walter Kirchmann, der von 1976 bis 1984 Kinderdorf-Kind war, erklärte, dass er im Kinderdorf "den Bezug zu Menschen" gelernt habe, was für seinen heutigen Beruf Priester von Bedeutung gewesen sei. Carla Hüther ist heute Erzieherin in der Außenwohngruppe für Jugendliche in Ingolstadt ist, wo sie von 2012 bis 2016 selbst betreut wurde. Für sie war nach eigenem Bekunden ihr Bezugsbetreuer für sie prägend und dafür ausschlaggebend, dass sie sich dort wohlfühlte. Jason Böhm war bis vor kurzem im Kinderdorf und ist jetzt Azubi bei der Bayerischen Bereitschaftspolizei. Er sagte: "Das Kinderdorf war lange Zeit mein Zuhause und ich pflege noch zu sehr vielen Leuten dort Kontakt." Zuzana Tatol wird in Kürze aus dem Kinderdorf entlassen und meinte: "Ich bin etwas angespannt, aber freue mich darauf, ins Erwachsenenleben zu kommen."
An einer „Talk-Runde“ nahmen Pater Walter Kirchmann, Schwester M. Ludowika Lenz, Zuzana Tatol, Carla Hüther, Jason Böhm, Moderator Stefan Straßer und Siegmund Hammel, Sachgebietsleiter im Amt für Familie und Jugend des Landratsamtes Eichstätt (von links), teil. Foto: Peter Esser / Caritas