Von Hilfe im Schutzengelturm zur professionellen Einrichtung
Das Caritas-Kinderdorf Marienstein wird 50 Jahre alt. Foto: Rudolf Hager
Seit 50 Jahren gibt es das Caritas-Kinderdorf Marienstein auf dem Eichstätter Blumenberg. In dieser Zeit sind nach eigenen Angaben rund 1.300 Kinder und Jugendliche mit zum Teil gravierenden persönlichen und familiären Problemen in der heilpädagogischen Einrichtung betreut worden. Doch die Geschichte des Kinderdorfes reicht weit über das Jahr 1976 hinaus zurück - bis ins 19. Jahrhundert. Im Jahr 1881 nahm der Pfarrer und Armenpfleger Johann Michael Schmidt aus Möhren bei Treuchtlingen drei Mädchen bei sich auf und griff damit ein drängendes soziales Problem seiner Zeit auf: die Sorge für elternlose und gefährdete Kinder. Mit dem Kauf eines Hauses mit einem charakteristischen sechseckigen Turm - dem später sogenannten Schutzengelturm - schuf er einen ersten Ort der Geborgenheit.
Von Möhren in die Domstadt
1890 übernahmen die Franziskanerinnen von Maria Stern OSF Augsburg, denen die frühere Kinderdorfleiterin Schwester Esther Mayr angehört, die Betreuung. Aus dem Waisenhaus entwickelte sich ein Heim für Kinder und größere Mädchen, zunehmend bereits mit heilpädagogischem Charakter, um besondere Verhaltensprobleme bewältigen zu können. "Bald platzte allerdings unser Haus aus allen Nähten", erinnert sich Schwester Esther. Pläne, die Einrichtung in Möhren zu erweitern, schlugen mangels Platzproblemen fehl. "Daraufhin bot uns der frühere Bischof Alois Brems an: Kommt doch nach Eichstätt!", so die Schwester. Das Gelände auf dem Blumenberg sei schließlich ausgewählt worden, "weil es erstens sehr weitläufig ist und zweitens für den Caritasverband Eichstätt, der 1974 die Trägerschaft vom Schutzengelhaus Möhren übernahm, erschwinglich war". Im Oktober 1975 fand die Grundsteinlegung statt, im August 1976 siedelten rund 60 Kinder und Jugendliche von Möhren nach Marienstein um, im Dezember desselben Jahres wurden die neuen Räumlichkeiten eingeweiht. Maßgeblich am Aufbau beteiligt war der damalige Stadtpfarrer von Treuchtlingen und 1. Vorsitzende des Vereins Schutzengelhaus Möhren August Ladenburger, der am Anfang auch Leiter des Caritas-Kinderdorfes Marienstein war. "Es war die Zeit, als die Forderung ‚Macht alle Heime offen’ laut wurde und vielerorts neue Jugendhilfezentren geplant wurden: nicht mehr mit großen Schlafräumen, sondern kleineren Wohngruppen", so Schwester Esther, die Pfarrer Ladenburger 1984 in der Leitung ablöste.
Was einmal klein begann, ist heute ein professioneller Ort der Hilfe. Es gibt sechs heilpädagogische Wohngruppen, eine heilpädagogische 5-Tagesgruppe, zwei intensivpädagogische Wohngruppen, eine therapeutische Wohngruppe für Jungen und Mädchen mit Autismus-Spektrum-Störung, eine zweigruppige heilpädagogische Tagesstätte, eine Außenwohngruppe für jüngere Kinder in Dollnstein und eine Außenwohngruppe für Jugendliche in Ingolstadt. Hinzu kommen zwei sogenannte Erziehungsstellen, in denen Kinder mit besonderen Problemen in einem familiären Rahmen individuell und eng betreut werden, und "Betreutes Wohnen", in dem jene aus der Außenwohngruppe Ingolstadt selbstständig, aber auch betreut in einer eigenen Wohnung leben. Insgesamt betreut das Kinderdorf nach eigenen Angaben rund 120 Kinder und Jugendliche.
Im Jahr 2005 löste Bernardin Porstner, der bereits seit 1982 im Kinderdorf als Psychologe gearbeitet hatte, Schwester Esther Mayer in der Leitung ab. Der seinerzeitige Caritasdirektor Willibald Harrer würdigte bei einer Feier die Einsatzfreude von Schwester Esther, "die ohne Blick auf die Uhr, sprich tarifliche Arbeitszeitregelung, in einer sehr persönlichen Weise das Kinderdorf geführt" habe. Porstner wiederum machte sich laut Schwester Esther vor allem um den Aufbau der Außenwohngruppen verdient. Für viele Kinder und Jugendliche sei er das gewesen, was sie zuvor nicht gehabt hätten: "ein gefragter Vater". Als er im Jahr 2015 in den Ruhestand ging, übernahm Brigitte Radeljic-Jakic die Leitung, und diese hat sie bis heute inne. Sie hat sich sehr für die Einrichtung der intensivpädagogischen Wohngruppen und der therapeutischen Wohngruppe für autistische Kinder eingesetzt. Das Betreuungsangebot der intensivpädagogischen Gruppen richtet sich an Kinder und Jugendliche mit multiplen Störungsbildern, die im Setting des üblichen Rahmens einer heilpädagogischen Wohngruppe nicht angemessen betreut werden können. Hier werden sechs Mädchen und Jungen von 5,9 - also fast ebenso vielen - pädagogischen Fachkräften je Gruppe betreut. Diese kommen aus den Fachbereichen Heilerziehungspflege, Erziehung, Sozialpädagogik, Heilpädagogik und Pädagogik. Was die Wohngruppe für autistische Kinder und Jugendliche betrifft, war das Kinderdorf nach eigenen Angaben die erste Einrichtung in der Region 10 - also in Ingolstadt und den Landkreisen Eichstätt, Neuburg-Schrobenhausen und Pfaffenhofen -, die im Jahr 2020 ein Angebot für Heranwachsende mit einer solchen tiefgreifenden Entwicklungsstörung gemacht hat. "Diese Kinder und Jugendlichen verarbeiten nur schwer soziale Reize. Gefühle anderer können sie kaum wahrnehmen und interpretieren", erklärt der zuständige Erziehungsleiter Steffen Benz. Zudem hätten viele "Inselbegabungen". Das heißt, "dass zum Beispiel ein Fünftklässler in Mathematik bereits auf dem Niveau von Siebtklässlern sein kann, sprachlich allerdings erst auf dem von Drittklässlern", so Benz.
Hoffnung auf eine gute Sanierung
Einen Namen gemacht hat sich das Kinderdorf auch durch zahlreiche Projekte, unter anderem durch den Berufsvorbereitenden Dienst, das mobile Klassenzimmer "blauer Bauwagen" und Bootsbau. Im Blickpunkt ist derzeit aber vor allem eine große Generalsanierung. Nachdem die beiden letzten Jahre hinsichtlich dieser Sanierung immer wieder von Ernüchterungen geprägt waren - vor allem aufgrund explodierender Gesamtkosten - hat es vor kurzem positive Nachrichten gegeben: Der Bauausschuss der Stadt Eichstätt hat grünes Licht für den Neubau der Schule zur Erziehungshilfe in der Einrichtung gegeben. "Wir freuen uns sehr, dass wir nun den ersten wichtigen Schritt im Rahmen unserer Generalsanierung gehen können", erklärt Kinderdorf-Verwaltungsleiter Florian Fischer erleichtert. Nach dessen Auskunft kosten Abbruch der alten Schule samt seiner Turnhalle, Neubau, eine Containeranlage als Interimslösung sowie die Erneuerung der Außenanlagen insgesamt rund 35 Millionen Euro. "Diese werden gemeinsam von der Regierung von Oberbayern und dem Caritasverband für die Diözese Eichstätt gestemmt", informiert der stellvertretende Eichstätter Caritasdirektor, Andreas Steppberger. "Wir freuen uns zudem sehr über eine Spende von 1,5 Millionen Euro von Sternstunden, der Benefizaktion mit dem Bayerischen Rundfunk, für die Schule", ergänzt Brigitte Radeljic-Jakic.
Was die vorhandenen Plätze in der Einrichtung angeht, sieht die Einrichtungsleiterin keinerlei Probleme, diese zu belegen. "Im Gegenteil: Eine weitere Erweiterung der Angebote wäre grundsätzlich notwendig, um der enormen Nachfrage nach Plätzen vor allem in den intensivpädagogischen und therapeutischen Wohngruppen gerecht zu werden." Allerdings seien die räumlichen Möglichkeiten auf dem Blumenberg ausgeschöpft, so dass der Fokus darauf liege, "die vorhandenen Angebote zu erhalten und eventuell neuen Gegebenheiten anzupassen".